5/10/2011

Sumarkvöldi / Sommerabend

Zärtlich wandert der warme Schatten einer altersschweren Eiche über das kniehohe Grün und Gelb und Weiß. Leise wiegen sich die bunten Kelche in der sterbenden Sonne. Das senffarbene Licht umschließt die Häuser unter unseren Füßen und bricht sich auf den Wellen des Neckars. Wie ein silbernes Band umschlingt er den Berg, folgt Ausbuchtungen und Kerben, der rauen Natur, bis der Horizont ihn verschluckt.

In vernachlässigten Vorgärten, in kahlen Innenhöfen, auf schmalen Innenstadtbalkons und überwucherten Vorstadtterrassen toben halbnackte Kinder in der verglühenden Hitze der aufstrebenden Nacht. Aus dem Hochhaus schallen fremde Stimmen zu uns hinauf und auf der sich wie ein verendender Wurm windenden Schnellstraße hupt jemand ärgerlich. Doch hier oben lärmen nur die dunklen Blätter der Eiche, Vögel plaudern unentwegt, das grün-gelb-weiße Meer rauscht.

Eine Imke umrundet uns zitternd, bevor sie auf einer leuchtenden Blüte landet. Die Blume neigt ihren blonden Schopf tief unter der unerwarteten Last. Irgendwo ruft eine Grille nach ihrer Gefährtin. Eine braune Spinne huscht auf unsere plattgelegene Lichtung und verschwindet wieder im Dunkel der wilden Wiese. "Hmm", mehr gibt es nicht zu sagen. Du schließt die Augen. Wenn du lächelst, wippt der Grashalm zwischen deinen Lippen. Der weiche Wind trägt deinen Duft. Er schmeckt nach Sonnenbrand, Schweiß, Knoblauch.

Der Himmel über uns brennt violett und orange und rosa. Doch wir sind sicher, behütet von Butterblumen und Schafgarbe. Ein Schmetterling schwebt an unseren Köpfen vorbei und landet neben meinem Bein. Meine Strumpfhose ist leicht verdreht, doch ich rühre mich nicht. "Hmm", machst du noch einmal. Wir blicken uns an. Es gibt nichts zu sagen und wir bleiben gefangen in dem Kitsch.

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