Mein - nicht ausgezeichneter - Beitrag zu einem Literaturwettbewerb zum Thema Wald.
Lebendiges Papier
Zärtlich, vorsichtig, beinahe liebevoll streicht sie nur mit den Fingerspitzen über das vergilbte Papier. Din A4, 80g, Holzstoff. Keiner dieser modernen Altpapierbögen, bei denen man vergisst, dass sie einst aus großen, mächtigen Tannen, aus unbesiegbaren, schlanken Kiefern entstanden.
„Lebendiges Papier“, waren die Worte ihrer Mutter, „Papier, das verwelkt, das Wasser trinkt, das atmet.“ Damals, als Papier mehr als Toiletten- oder Druckpapier bedeutete, als man Liebesschwüre nur dem Papier anvertraute, damals. Wie lang war dieses Damals nur her?!
Dieser Bogen, der jetzt gelb und altersschwach vor ihr liegt, hatte eine besondere Bestimmung. Sie konnte sich gut erinnern, wie sie auf den Schoß ihrer Mutter geklettert war und von dort auf das leinenhafte Blatt geblickt hatte. „Berühr‘ es, fühl‘ es“, hatte ihre Mutter geflüstert. „Spürst du das Leben in ihm?“ Die Fingerkuppen huschten leicht über die blütenweißen Erhebungen und Täler und entführten das Mädchen hinter das Papier:
Der Wald ist grün und dunkel, schwer getränkt vom Duft nach Harz und Erde und Tautropfen. Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch das dichte, opake Geflecht der Äste und Zweige; die Luft schmeckt feucht und moosig. Zartgrüne Flechten winden sich um die hohen, rauen Stämme und irgendwo plätschert ein Bach durch die dunstige Stille. Ein Kreuzritter in gelbbraunem Panzer webt ein Netz zwischen zwei Zweigen. Wo der Tau in kleinen Tropfen auf feinen Fäden hängen bleibt, reflektiert sich das Licht regenbogenfarbig. Bei dem weichen Moos, in dem dichten Farn, auf dem waldigen Humus verbrennen Sonnenstrahlen das frühe Nass; schicken schwere, würzige, holzige Gerüche in die Welt. Die warme Luft hinterlässt auf Gaumen und Zunge die Vorfreude auf wilde Beeren und junge Kräuter. Waldiger Odem benetzt die Lippen mit unwegsamen Versprechen und blühenden Hoffnungen. Die zarten Kelche der Vergissmeinnicht schmiegen sich an die grobe Rinde der Tanne. Auf dem weichen Unterholz breitet sich ein Teppich aus winzigen, violetten Erinnerungen. Die samtigen Blüten dämpfen das Knacken der fallenden Äste und das ferne Rufen aus einer blutroten Kehle. Alles umhüllt von feinem Dunst, der Bach und Bäume und Blüten und Vögel verschlingt.
Zwei kleine Hände greifen nach ihr, reißen sie aus dem Wald, vorbei an Ästen, Zweigen, Stämmen; Nadeln streifen ihre Wangen, die Sonne über dem grünen Baldachin blendet sie. Zwei kleine Hände greifen nach ihr, betteln um einen Platz auf dem Schoß.
Wie sie einst, blickt nun das Kind auf den Bogen. Das Papier ist vergilbt; die Ecken rollen sich auf. „Oma, was ist mit dem Papier?“ – „Es stirbt.“
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