1/19/2011

Kirkjugarður ferðaþjónusta / Friedhofstourismus

Jede Stadt birgt ihr eigenes kleines Geheimnis. Niemand spricht darüber, trotzdem kennt es jeder. Diejenigen, die schon seit Generationen dort leben, pflegen es. Und wer nicht rechtzeitig fliehen kann, landet eines Tages dort: der Friedhof.
In letzter Zeit besuche ich diesen in jeder Stadt, durch die ich flaniere. Dabei ist mir etwas aufgefallen: Es wird ein wahrer Friedhofstourismus betrieben. Ich möchte es an dem Beispiel des Tübinger Stadtfriedhofs aufzeigen.
Schon auf den strategisch unauffällig günstig platzierten Was-ihr-in-Tübingen-nicht-verpassen-solltet-Hinweisschildern ist der "Stadtfriedhof" deutlich neben all den anderen "Sehenswürdigkeiten mit Parkplatz" gekennzeichnet. Die Lage, an einem Hügel, durch eine breite Straße mit dem Stadtzentrum verbunden, direkt zwischen den mehr oder weniger sehenswerten Unigebäuden, scheint schon PR-effektiv gelegen.
Der untere Eingang wird durch ein großes schmiedeisernes Tor, das die historisch anmutende hohe Mauer an einer Ecke durchbricht, dargestellt. Durch dieses getreten, steht man vor einem der riesigen Bäume, an denen man sich sich mit Broschüren eindecken kann - wie an jedem anderen gutorganisierten Ausflugsziel.
Kaum hat man die ruhige Stätte betreten, kommen einem zwei blonde Studentinnen (erkennbar an Pferdeschwanz, Bluejeans und schwarzen Longsleeves) entgegen, die sich verhalten über Prüfungserfahrungen austauschen. Auch Friedhofstouristinnen.
Rechterhand befindet sich eine große Tafel, die sowohl den Lageplan, als auch die Gräber wichtiger Toter beschreibt. Bleibt die Frage: Sind wir doch nicht alle gleich durch den Tod?
Da ich eine Touristin und keine Pilgerin bin, entscheide ich mich für eine Rundreise. Für einen kurzen Moment erwarte ich einen Reiseführer, doch da keiner mehr kommen wird, mache ich mich auf den Weg. Anfangs traue ich mich nicht, die Pflasterung zu verlassen, doch da die hölzernen Wegweiser immer öfter diffus in Richtung Gräberfelder weisen, verlasse ich irgendwann den Pfad und spaziere zwischen den ewigen Schlafstätten seit jeher Verstorbener. Die Grabsteine offenbaren ihre Namen, Jahre und Beziehungen. Zu den größten Besonderheiten zählen natürlich das Uhland-Grab, der verstorbene Hölderlin und das Ruhebett Ottilie Wildermuths. Aber auch die allgegenwärtigen Kriegsgedenkstätten gelten als Highlights meiner Sightseeing-Tour. Auch für die angemessene Erholung zwischen den verschiedenen Touristenattraktionen ist gesorgt: Große, knorrige Bäume überschatten wacklige, morsche Bänke und zugewachsene Sitzmöglichkeiten.
Der leichte stimmungserzeugende Nieselnebel setzt ein und hält die weniger hart gesottenen Touris fern; es spazieren nur wenige über die feuchten Wege und durch das nasse Gras. Die Figur einer Frau im mittleren Alter wird durch ein weites anthrazit-farbenes Regencape eingehüllt. Sie kniet auf einem zerbrochenen Plastikuntertopf und bearbeitet die Ruhestätte eines Paares, das vor mehr als zehn Jahren in kurzem Abstand von einander gestorben ist. Als ich vorbeispaziere und über ihre gebeugte Gestalt hinweg den Grabstein betrachte, werden ihre Bewegungen langsamer und bedachter, doch sie blickt nicht auf.
Ein umgestürtztes Erinnerungsmal, halb über das Grab, teils auf dem Weg, dient als Heimat einer Vielzahl von Insekten, Gräsern und Moose. Gelbe Schmetterlinge küssen weißen Blüten, flattern über die verwitterte Inschrift und lassen sich auf grünmoosigen Steinfragmenten nieder.
Zurück auf dem Weg entdecke ich ihn. Er muss mich irgendwo unbemerkt überholt haben, denn er schlürft jetzt einige Meter vor mir her. Sein weißes Haar flattert, unberührt von Feuchtigkeit, bei jedem der schwerfälligen Schritte, die im gekrümmten Rücken verschränkten Hände schwingen lautlos mit, überkreuzte Finger krallen sich an einen Stengel Schafgarbe. Er betritt einen kleinen Trammelpfad, neugierig folge ich. Die rotbraune Erde klebt an meinen Boots. Immer weiter hinauf steigt der unfreiwillige Reiseführer den Hügel. Plötzlich bleibt er mitten im Gräberfeld H stehen: vor ihm ein unauffälliges Grab; keine großen Erzengel, die es bewachen; kein Bildnis; keine großen Worte; keine beeindruckenden Blumengestecke; nur ein Name, zwei Daten und die Aufschrift "Geliebte Ehefrau und Mutter". Seine Hand zittert, als er das Unkraut auf den kleinen grasbewachsenen Hügel fallen lässt; er erlaubt sich einen langen Seufzer und wendet sich ab. Schnell bemühe ich mich, unauffällig zu wirken und starre auf ein Heinrich Walters Grab. Als ich wieder einen Blick aus den Augenwinkeln wage, ist der alte Mann verschwunden, nur die Schafgarbe liegt einsam im sanften Regen.
All meine Schaulust ist verschwunden, meine Neugierde erstickt; was bleibt ist das dumpfe Gefühl, etwas Wichtiges übersehen zu haben. Jeder Grabstein ist ein Mahnmal, jede Inschrift ein Andenken. Und mitten im Strom einer mit Fotoapparaten bewaffneten Gruppe erkenne ich, dass ein Friedhof mehr als ein historisch gehaltvolles Ausflugsziel ist, er ist die Erinnerung an Leben, Liebe und Sehnsucht.

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