11/24/2010

Hik / Zögern

Eine weitere Geschichte für meinen Uni-Kurs "Storytelling".
Wer mich vor ungefähr einem Jahr auf der Gemeindebühne gesehen hat, wird sich vielleicht an diesen Sketch erinnern.
Da ich nicht genau weiß, woher das Stück war, entschuldige ich mich hiermit herzlich bei den Copyright-Verletzten, weise auf die Änderungen hin und hoffe, es ist nicht weiter schlimm.

Procrastinationsgeschichte
(frei nach dem Stück "Nach dem TÜV" von willowcreek.de)

Eigentlich mag ich keine Betriebsfeiern. Erst recht keine in der Weihnachtszeit. All diese erzwungene Fröhlichkeit in kalten Sälen oder überfüllten Restaurants. All diese gespielte Freundlichkeit, wenn jeder doch nur hofft, möglichst schnell nach Hause zu kommen. Deshalb meide ich Betriebsweihnachtsfeiern rigoros.
Letztes Jahr ließ ich mich jedoch dazu überreden mit meiner guten Freundin Franzi hin zu gehen. Sie sitzt zwei Büros weiter und meint, dass so eine Betriebsweihnachtsfeier wie Reallife-DSDS ist: ein wenig Unterhaltung, ein bisschen Fremdschämen und dazu viele derbe Sprüche. Die Kantine wurde zum diesjährige "Festsaal" erkoren und lieblos mit ein paar Bändern, Zweigen und Kugeln geschmückt. Wir setzten uns an den Tisch, der am weitesten von der Bühne entfernt war und öffneten schon die erste Flasche Rotwein, als die meisten noch im Eingang standen und unauffällig über taktisch klug gewählte Tischnachbar nachdachten. Zu uns wollte sich keiner setzen. Als das "Programm" begann, schlüpfte eine winzige Blondine um die vierzig zur Tür herein, drückt sich an die Wand und bemühte sich offensichtlich überersehen zu werden. Sie suchte einen freien Stuhl. Natürlich gab es nur noch an unserem Tisch freie Plätze und zögerlich nahm die unauffällige Frau die Sitzgelegenheit zu meiner Linken wahr. Wir kannten uns nur flüchtig, sie hieß Maria und saß an der Rezeption. Mehr wusste ich nicht. An diesem Abend erfuhr ich, dass wir Seelenverwandte sind. Wir kamen aus dem selben Ort, kannten die selben Leute und verstanden uns aber auch darüber hinaus blendend. Freilich, sie war 15 Jahre älter als ich, aber das störte uns keineswegs. Franzi hatte viel weniger Spaß und suchte schon bald das Weite. Maria und ich redeten und redeten und redeten.
Wir waren die Letzten, die gingen. Die Putzmannschaft musste uns beinahe hinauswerfen, weil wir uns immer wieder verquatschten. Sie brachte mich nach Hause und gab mir einen Zettel mit ihrer Telefonnummer. Ich versprach sie anzurufen. Nach den Feiertagen. Oder so. Der Zettel kam an meine Pinnwand. Zur Erinnerung.
Nach den Feiertagen ging der Winterstress im Büro los, jeder war hoch motiviert und ich versank in Arbeit. Dann kam die Skisaison, im Frühling zog ich um und im Sommer gab es viele Festivals und natürlich der Urlaub. Jedes Mal, wenn ich die Pinnwand sah, dachte ich, dass ich sie anrufen sollte. Aber dann... dann schob ich es auf. Auf den nächsten Tag, und den übernächsten, und den überübernächsten.
Maria und ich sahen uns jeden Morgen, wenn ich an ihrer Theke vorbeieilte um noch rechtzeitig zur Mitarbeiterbesprechung zu kommen. Meistens reichte es nicht für mehr als für ein "Guten Morgen!" oder ein aufmunterndes Lächeln. Abends musste ich mich immer beeilen um die Bahn zu erwischen, deshalb gab es da nur ein kurzes "Bis Morgen!". Der Stich des schlechten Gewissens, ich hatte immerhin VERSPROCHEN sie anzurufen, wurde jeden Tag ein wenig schwächer bis ich irgendwann dachte, dass sie sich ja auch melden könnte, wenn sie wöllte.
Dann, dieses Jahr im November, kam einer dieser typischen Herbsttage, an denen man weiß, dass es sich gar nicht gelohnt hat, das Bett zu verlassen. Ich kam aus dem Aufzug und steuerte auf den Konferenzraum zu. Kaffee schwappte in meinem Tumbler. Irgendwo klingelte schon ein Telefon. Ein Kopierer summte. Trotzdem, irgendetwas fehlte. Ich ging wieder zurück zum Eingang, blickte mich um. Das große Firmenlogo hing an der Wand, wo es schon gehangen hatte, als ich vor drei Jahren hier angefangen hatte. Die Theke war dieselbe. Mein Blick wanderte zu den Sesseln im Wartebereich. Auch hier keine Veränderung. Die dunkelhaarige Frau, die hinter der Theke saß, betrachtete mich irritiert. Moment! Dunkelhaarig. Aber Maria war doch blond! Mein Blick schoss zurück zur Empfangsdame. Tatsächlich, das war es. Maria fehlte. Ich hatte noch keinen Tag erlebt, an dem sie nicht hier saß. Das Headset auf dem Kopf. Beinahe unsichtbar, verschmolzen mit der grauen Wand hinter ihr. Das Mädchen, das jetzt auf Marias Platz saß, klärte mich auf: Gestern Abend war es sehr glatt gewesen. Ein junger Mann war zu schnell gewesen, zu unerfahren. Er war mit seinem Auto frontal in Marias Wagen geschlittert, als sie auf dem Heimweg war. Sie starb noch an der Unfallstelle.
Kälte machte sich in mir breit. Solche Kälte, die den Atem raubt, alle Gedanken und Gefühle betäubt und sich in deine Eingeweide frisst.
Bei der Beerdigung erzählten Marias Freunde und Verwandte, was für ein bezaubernder Mensch sie gewesen war. Dass sie gut zuhören konnte. Und weise Ratschläge gab. Sie erzählten von all den Dingen, die ich verpasst hatte, weil ich es aufgeschoben hatte.
Der Zettel mit Marias Telefonnummer hängt immer noch an meiner Pinnwand. Natürlich, ich werde die Nummer nie wählen. Und doch erinnert mich der Zettel daran, dass es Dinge gibt, die man nicht aufschieben sollte. Nicht aufschieben darf.

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