Meine Eltern stammen ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion. Wir leben aber schon mehr als 20 Jahre hier in Deutschland. Mein Vater ist aus dem Ural-Gebirge, meine Mutter aus Kirgisien, das ist westlich von China. Ich bin noch dort, also in Kasachstan, geboren. Ein paar Jahre nachdem wir nach Deutschland gezogen sind, hat meine Mutter sich ihr altes Klavier aus der alten Heimat schicken lassen. Es kam in einer sehr großen, braunen Kiste. Es soll in meiner Geschichte aber nicht über die Unterschiede zwischen west- und osteuropäischen Musikinstrumente gehen – auch wenn mir dazu mindestens eine genau so spannende Geschichte einfallen würde. Heute geht es um die große Holzkiste, in der das Klavier gekommen ist. Auf der einen Seite, quasi dem Deckel prangten in großen roten Buchstaben der Name des Herkunftslandes.
Wir wohnten da auf einem großen Hof. Die eine Scheune stand am Hang, so dass das die eine Seite nur ungefähr zwei Meter hoch war, während es auf der andern fünf oder sechs Meter tief runter ging. Aus diesem Deckel der großen Kiste baute mein Vater meiner Schwester Julia (Sie ist zwei Jahre jünger als ich.) und mir einen großen Sandkasten. Den stellte er draußen an die niedrigere Wand, die große Kiste direkt daneben.
Als Kind hatte ich den Schalk im Nacken sitzen: Ich habe alles ausprobiert und angestellt, was man als Kind nur anstellen konnte. Immer wieder habe ich die Kätzchen beobachtet, die auf dem Scheunendach herumspazierten oder in der Sonne lagen. Ich war neidisch und neugierig, weil wir den Hof und überhaupt die Welt immer von unten sehen, während die Katzen alles von oben sehen konnten. Was musste das für eine Freiheit sein!? Irgendwann kam ich auf die Idee über den Sandkasten auf die große Kiste und von dort auf das Dach zu klettern. Gedacht, getan. Erst war es schwerer, als ich es mir vorgestellt hatte, doch dann saß ich endlich auf dem Dach. Ich krabbelte hoch bis zum Dachfirst und lief wie die Katzen bis zum anderen, tiefen Ende. Von dort konnte ich nicht nur unseren Hof und die Äcker sehen, sondern auch die Weiden und Wiesen der Nachbarn und noch weiter. Das also konnten die Katzen sehen!
Bis zu meinem Ausflug auf das Dach hatte ich an diesem Tag mit Julia im Sandkasten gespielt. Sie war schon als Kind viel vorsichtiger und viel korrekter als ich. Schon als ich die Idee hatte, war sie entsetzt; als ich dann oben war, rannte sie ins Haus um „Hilfe“ zu holen. Leider war nur unsere Oma da; und sie war damals schon um die achtzig! Sofort kam sie heraus, sah mich auf dem Dach und bekam beinahe einen Herzinfarkt. Dann begann das wahre Abenteuer: mich von meinem hohen Sitz zu holen. Ich saß ja immer noch weit vorne, dort wo die Scheunenwand so hoch war. Unter mir fünf Meter nichts als ein paar Bretter und dann der Hof. Langsam drehte ich mich um und spürte die beachtliche Höhe: Alles kribbelte, angefangen im Bauch, Beine, Arme und Kopf. Zurück traute ich mich auch nicht mehr zu laufen und robbte auf dem Bauch wieder Richtung Kiste. Dort musste ich mich wieder drehen, mich bis auf dem Bauch legen und runterlassen bis meine Füße die Kiste berührten. Meine Oma und Julia standen daneben und stöhnten und seufzten und hofften, dass ich mir nicht im letzten Moment noch was breche. Als ich unten war, musste ich mir von beiden Strafpredigten anhören und als die Eltern auch wieder zuhause waren, kam auch die dritte Strafpredigt und dazu Hausarrest. Doch das war es wirklich wert!
Ich saß danach nie wieder wie eine Katze auf einem Dach, aber das Spontane und Wagemutige habe ich mir beibehalten.
[Eigentlich war meine liebe Cousine Emma auch mit dabei auf dem Dach. Sorry, dass ich dich weggekürzt habe, meine Liebe.]

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen