Mit Freunden ist es manchmal wie mit Schuhen…
Ich glaube an Perfektion. Und an Bestimmung. Und ich glaube daran, dass es sie gibt, irgendwo da draußen in den Weiten der Galerien, Straßen und Geschäften, die absoluten Traumschuhe. Warum? Ganz einfach: Ich bin ihnen schon mal begegnet.
Eigentlich habe ich keine hohen Ansprüche an Schuhe: Mir ist egal, von welcher Marke sie sind. Auch der Preis ist zweitrangig. Ich liebe Boots und Stiefel und Stiefeletten und Pumps und Sandalen und manchmal auch Turnschuhe – aber ehrlich gesagt nur dann, wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, weil meine einsam in einer dunklen Ecke meines Schuhschrankes dahin vegetieren. Hauptsache sie sind einigermaßen bequem (und bequem ist ein seeeehr dehnbarer Begriff!). Wenn sie dann noch das gewisse Etwas, diese Kleinigkeit, die fast schon extravagant erscheint, aber vor allem sagt: „Ich bin kein gewöhnlicher Schuh!“, haben, schlägt mein Herz Purzelbäume. So war es jedenfalls bisher. Bis ich eben meinen Traumschuhen begegnet bin.
Wir waren in der nächstgelegenen Shoppingmall und ich war absolut nicht auf der Suche. Ja ja, Frauen sagen das immer, aber ich war WIRKLICH nicht auf der Suche. Ich wollte nichts, war mit meinen ausgelatschten Primark-Stiefeln sehr zufrieden: Sie hatten mich treu durch den sonnigen September, den ockergelben Oktober, den nebeligen November und sogar den dauerfrostigen Dezember getragen. Stets waren sie an meiner Seite, ehrlich darum bemüht, mir das Leben möglichst angenehm zu gestalten, ohne Scheu oder falschem Stolz. Wir hatten nie Streit, wussten beide, wohin wir wollten, wir hatten uns an einander gewöhnt, waren mehr als nur Schuh und Trägerin, wir waren beste Freunde. Aber es war auch unaufregend einfach geworden. Ich musste morgens beim Anziehen nicht mal darüber nachdenken, ob das Outfit zu den Schuhen passen würde, denn alles passte zu meinen Boots. Ich konnte beim Treppen hinab Laufen, den Tumbler in der Linken, rechts Jacke, Handtasche und Autoschlüssel, in sie hineinschlüpfen. Wir hatten uns an einander gewöhnt.
Und dann begegnete ich ihnen. Unbeabsichtigt und unschuldig. Ich sah ganz zufällig sie an und mein Herz setzte für einen kurzen Moment aus. Da waren sie, die anziehendsten Ankle Boots, die es auf dieser Erde gibt! Das weiche Wildleder, die perfekte Passform, der Absatz! Vorsichtig strich ich am Fußrücken in Taupe (Taupe: ein Farbton zwischen Beige und Grau mit einem warmen Augenzwinkern - es gibt solch etwas Entzückendes tatsächlich!) entlang, folgte dem leichten Schwung, berührte die unauffällige Naht; meine Finger kribbelten. Mit zärtlichem Druck stieg ich in den linken Schuh hinein, flanierte ein wenig durch die Gänge (na ja, es war eher ein Humpeln, mein rechter Fuß wurde noch durch meine alten Stiefel in Besitz genommen und die beiden trennten nun mal 11 Zentimeter und einige Welten!). Wild entschlossen mein Leben nur noch in diesen Schuhen zu verbringen, schüttelte ich die Stiefel ab und schob die rechte Hälfte meiner wahren Liebe über meinen Fuß. Ich kam bis zur Mitte meiner Ferse, dort hörten die Schuhe einfach auf. Ich probierte es ein zweites, ein drittes Mal. Immer das gleiche Ergebnis: Mein rechter Fuß war nicht kompatibel mit diesem Schuh. Erschüttert und gekränkt wandte ich mich an eine Verkäuferin, die mit einem fachmännischen Blick feststellte, dass der rechte Schuh nicht in meiner Größe sei. Und im Lager gebe es auch keinen. Der rechte Rechte war verschwunden, entführt oder schlimmeres. In jeden Fall jedoch nicht auffind- und drum nicht mitnehmbar. Und nein, es gab auch kein zweites Paar in meiner Größe. Sie könne mir ähnliche in Schwarz anbieten. Ähnliche? In Schwarz? Wie konnte sie nur?! Die Kunden in meiner Nähe schraken zusammen, als mein Herz wie ein Donnerschlag brach. Ich sank auf den Boden, die linke Perfektion an meine Brust gedrückt und schluchzte auf. (Man kann nicht bestreiten, dass ich eine Drama Queen bin. Aber auch nicht, dass ich beim Bloggen hin und wieder zu Übertreibungen greife.) Einen kurzen Moment durchspielte ich den Gedanken meinen großen Zeh für eine kleinere Schuhgröße zu opfern, doch dann entsann ich mich der Tatsache, dass besagter großer Zeh eine Rolle beim Gleichgewicht spielt und da dieses bei mir auch ohne Amputation dann und wann aussetzt, verzichtete ich, dem Tod aller Freude ins Gesicht blickend, auf dieses fabulösen Fußgeschmeide.
Vor jenem Tag wusste ich nicht, das in meinem Leben etwas gefehlt hatte, doch nachdem ich sie ein Mal gesehen hatte, wollte ich nichts anderes. Freitagabend saß ich sockig auf dem Sofa, ohne die Traumschuhe wollte ich keine Party, keine Menschen sehen, kein Spaß. Am Samstag lag ich zusammen gerollt an selber Stelle; Putzen, Einkaufen, Lernen, nichts machte Sinn ohne sie. Hätte meine Schwester mich nicht gezwungen, aufzustehen und wieder zu leben, ich hätte mich auch am Sonntag der süßen Sehnsucht hingegeben.
Die nächsten Wochen beschäftigte mich nur ein Gedanke: Wie kam ich an ein Paar Perfektion? Der Online-Shop meldete schon lange, dass sie ausverkauft seien, keine andere Filiale konnte mir die richtige Größe bieten. Jeden Morgen erwachte ich in der Hoffnung sie zu finden, jeder Abend häufte meine Enttäuschung: Wieder gesucht und nicht gefunden!
Das Verhältnis zu meinen Alten wurde auch immer anstrengender. Sie langweilten mich, glänzten nicht genug oder zu viel, machten komische Geräusche – und wie konnte ich je diese Schuhe zu einem Kleid tragen?!
Eines Tages jedoch, unerwartet und doch so lang erhofft, tauchten sie auf der Online-Shop-Seite auf, charmant lächelnd, als ob sie nie verschwunden gewesen wären. Unverzüglich bestellte ich sie mir! Glück, wie ich kann ich dich fassen?! Danach war jeder Tag der 23. Dezember, jeder Morgen der Morgen DAVOR, jeder Abend die Chance der letzte „ohne“ zu sein. Hoffnung beflügelte mein Innerstes; in langweiligen Vorlesungen (Natürlich gibt es so etwas nicht!) malte ich mir aus, wie es sein musste, von wahrer Schönheit umgeben, über der Erde schwebend, glücklich bis zum/bis auf den kleinen Zeh, das Leben zu bewältigen.
Als dann der Götterbote das unverkennbare Päckchen in meine Hand drückte, hätte ich ihn wohl geküsst, würde ich mich nicht vor Göttern fürchten. Ungeduldig riss ich die Verpackung auf, stieß Bestellschein, Rechnung und Überweisung zur Seite und da waren sie: zwei süße, beinahe anrüchig schöne Ankle Boots. Liebevoll löse ich sie aus ihrer Umarmung. Einige Minuten halte ich sie nur in meinen Händen, befühle den Innenstoff, rieche am Leder und versuche meine Glückstränen zu unterdrücken. Dann wage ich es: Erst einen, dann den anderen Fuß schiebe ich in das Bett. Hm. Irgendwie hatte ich sie bequemer in Erinnerung. Nun ja, man muss sie wohl noch austragen. Im Geschäft werden sie von so vielen Füßen bedrängt, aber meine hier, die sind halt noch ganz unverdorben. Ich versuche mich an einem Wohnzimmerrundgang. Und rutsche. Hm. Auf dem Teppich hatte ich das nicht gemerkt, aber diese Schuhe haben kaum Profil, geschweige denn Standhaftigkeit oder Rückgrat. Dann fällt mir auf, dass die Naht des Linken ein wenig schräg verläuft. Und die Spitze des Rechten ist leicht eingedellt. Inzwischen schlafen die kleinen Zehen beiderseits. Ich versuche noch ein, zwei staksige Schritte bis zum Sofa. Nichts wie raus aus den Dingern!
Entgeistert starre ich auf die vermeintliche große Liebe meines Lebens. Dann packe ich sie gedemütigt zurück, klebe den Retoure-Sticker über meine Adresse und gehe schlafen.
Am nächsten Morgen habe ich es wieder eilig. Der Professor wartet auf keinen, auch nicht auf mich. Während ich versuche, meinen Kaffee nicht zu verschütten, fällt mir ein, dass ich noch zum großen Götterboten-Lager muss.
Als ich das Packet über den Schalter reiche, lächelt die Frau hinter dem Glas: „Coole Boots!“ Ich blicke hinab, unbemerkt habe ich tatsächlich meine alten, ausgelatschten, gar nicht so besonderen Primark-Stiefel angezogen. „Ja“, grinse ich zurück, „das sind sie tatsächlich!“

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